ÖV-Atlas von „Agora Verkehrswende“ zeigt große Unterschiede beim Bus- und Bahnangebot
Das Angebot des öffentlichen Personennahverkehrs ist weder in Deutschland noch im Münsterland überall gleich gut. Es gibt große Unterschiede, wie der Anfang September veröffentlichte ÖV-Atlas für Deutschland des Thinktanks Agora Verkehrswende zeigt. Sie haben dafür aktuelle Fahrplan- und Bevölkerungsdaten aller Gemeinden und Kreise in Deutschland ausgewertet. Analysiert wurde unter anderem, wie weit Menschen von einer Haltestelle entfernt wohnen und welche Verkehrsmittel bei ihnen in welcher Taktdichte abfahren. „Die daraus abgeleiteten Güteklassen von A für die beste bis F die schwächste Anbindung bieten einen einheitlichen Maßstab für die Beurteilung der Versorgungsqualität im öffentlichen Verkehr“, versichert Agora Verkehrswende.

Güteklassen für Klassifizierung festgelegt
Um die Versorgung der Menschen mit dem ÖPNV bei ihnen zu hause besser klassifizieren zu können, haben die Gutachter:innen von Agora Verkehrswende die Güteklassen A bis F festgelegt. Sehr gut (A) oder gut (B) sind gut ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland versorgt. Diese Menschen leben überwiegend in großen Städten oder deren Umgebung. In eher ländlichen Regionen findet häufig nicht einmal ein gutes Grundangebot am Wohnort vor. Dieses entspräche der Güteklasse D mit etwa einer 250 Meter entfernten Haltestelle, an der werktags alle 30 Minuten ein Bus abfährt. In 6.353 der insgesamt 10.747 Gemeinden in Deutschland erreicht das Angebot nicht einmal die niedrigste Güteklasse F. Diese Orte liegen fast immer außerhalb von Nordrhein-Westfalen.
Unterversorgung im Kreis Borken am größten
Im Münsterland schneidet der Kreis Borken beim ÖPNV-Angebot besonders schlecht und – kaum verwunderlich – die Stadt Münster am besten ab. Immerhin rund 56 Prozent aller Münsteraner:innen sind so gut versorgt, dass es die Güteklasse A oder B für ihren Wohnort gab. Weitere rund 33 Prozent erhielten die Güteklasse C. Nur 1,9 Prozent der Münsteraner:innen sind wirklich abgehängt (E und F) und nur etwas über elf Prozent der Wohnorte der Domstadt sind in der unteren Hälfte der Bewertung. Für eine deutschlandweite
In den vier Flächenkreisen sieht es ganz anders als in der Großstadt aus. Das Schlusslicht bildet das westliche Münsterland. Im Kreis Borken haben 65,37 Prozent der Menschen ein unterdurchschnittliches Angebot. Über ein Fünftel nur eines der Güteklasse E und sogar 15,63 Prozent die schlechteste denkbare ÖPNV-Anbindung. Die Güteklasse A erreichen nur knapp drei Prozent und die B-Klasse 4,10 Prozent. Der einwohnerstärkste Münsterlandkreis belegt Rang vier im Regions-Ranking. Über 62 Prozent der Steinfurter:innen liegen im ÖPNV-Anschluss unter dem Durchschnitt. Immerhin über zehn Prozent erreichen die beiden Spitzenklassen A und B. Knapp davor ist der Kreis Warendorf platziert. Ebenfalls über 60 Prozent sind unterdurchschnittlich versorgt und knapp zwölf Prozent der Wohnorte haben einen giten oder sehr guten Anschluss an den öffentlichen Verkehr. Platz zwei im Münsterland belegt der Kreis Coesfeld,deren Bewohner:innen zu 55 Prozent aber auch unterdurchschnittliche Angebote im ÖPNV haben. Vergleichbar mit dem Kreis Warendorf sind die sehr guten un guten ÖPNV-Anschlussangebote für Coesfelder:innen.
| ÖPNV Angebot | Güte A | Güte B | Güte C | Güte D | Güte E | Güte F |
| Mün ster | 14,86 % | 40,28 % | 32,63 % | 9,41 % | 1,56 % | 0,37 % |
| Bor ken | 2,77 % | 4,10 % | 12,23 % | 28,70 % | 21,04 % | 15,63 % |
| Coes feld | 3,09 % | 8,35 % | 22,52 % | 22,58 % | 19,26 % | 13,17 % |
| Stein furt | 3,26 % | 7,22 % | 16,33 % | 27,48 % | 22,10 % | 12,47 % |
| War endorf | 4,75 % | 6,80 % | 14,34 % | 25,72 % | 21,92 % | 13,80 % |
Pro Bahn Münsterland: „In der Fläche viel Luft nach oben“
„Ein verbindliches Mindestangebot ist der erste Schritt zu einem flächendeckend besseren öffentlichen Verkehr in Deutschland“, erklärte Wiebke Zimmer, stellvertretende Direktorin von Agora Verkehrswende. Dieser Einschätzung schließt sich Werner Szybalski, Vorsitzender von Pro Bahn Münsterland voll und ganz an und ergänzt:„Gerade im ländlichen Münsterland wird die Verkehrswende durch die fehlenden ÖPNV-Angebote ausgebremst. Im Kreis Borken mit dem weitgehenst ausgedünnten Nahverkehr auf Schienen besteht der größte Nachholbedarf. Dabei wird nichtmals die zukünftige S-Bahn Münsterland helfen, da sie den Kreis kaum tangiert.“ Ganz besonders schlecht sieht es an der niederländischen Grenze in der mittelgroßen Stadt Vreden aus, die nur die unterste Güteklasse F erreichte. Szybalski: „Vreden schaffte es leider deshalb sogar in die bundesweite Pressemitteilung des Gutachters.“

Anbindung ist wichtiger Faktor
Wie hoch der Anteil der mit dem ÖPNV zurückgelegten Kilometer ist, hänge laut der Analyse von Agora Verkehrswende vorrangig mit der Qualität der Anbindung zusammen. Natürlich spielen auch Tarife, Netzplanung, Parkraum oder Gewohnheiten eine Rolle, aber eben nicht die entscheidende. Für den Klimaschutz ist deshalb die Verbesserung des ÖPNV-Angebots dort, wo viel Auto gefahren wird, besonders wichtig.
„Um möglichst viele Kilometer vom Auto auf Bus und Bahn zu verlagern, braucht es vor allem auf den pendelintensiven Achsen zwischen Städten und ihrem Umland ein gutes Angebot“, sagt Philipp Kosok, Projektleiter Öffentlicher Verkehr bei Agora Verkehrswende. „In abgelegenen Gebieten kann öffentlicher Verkehr maßgeblich dazu beitragen, die soziale Teilhabe zu verbessern, zum Beispiel mit automatisierten Kleinbussen, die auf Abruf individuelle Routen bedienen. Eine gute Anbindung an Bus und Bahn ist Teil der Daseinsvorsorge und gehört zum verfassungsrechtlichen Auftrag, gleichwertige Lebensverhältnisse in ganz Deutschland zu ermöglichen.“
ÖV-Atlas 2026
Der ÖV-Atlas von Agora Verkehrswende findet sich mit vielen interaktiven Karten und Grafiken hier.
Thinktank Agora Verkehrswende
Agora Verkehrswende ist ein Thinktank für klimaneutrale Mobilität mit Sitz in Berlin. Im Dialog mit Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft setzt sich die überparteiliche und gemeinnützige Organisation dafür ein, die Treibhausgasemissionen im Verkehrssektor auf null zu senken. Dafür entwickelt das Team wissenschaftlich fundierte Analysen, Strategien und Lösungsvorschläge. Initiiert wurde Agora Verkehrswende Anfang 2016 von der Stiftung Mercator und der European Climate Foundation. Gesellschafter sind die beiden Stiftungen.
Quelle: Pressemitteilung Agora Verkehrswende