Reaktivierung: 170 Millionen für die WLE

Verkehrsminister Krischer übergibt Förderbescheid

Am Freitagmittag (16. Oktober 2026) gab es beim Zweckverband Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL) im vierten Stock an der Schorlemerstraße 26 in Münster einen großen Bahnhof für einen kleinen Brief. Dieser enthielt allerdings viele Millionen Euros für die Reaktivierung der Bahnstrecke zwischen Sendenhorst und Münster. Aus Düsseldorf war NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer angereist. Er überreichte den insgesamt 170 Millionen schwerem Förderbescheid an den Geschäftsführer der Westfälischen Landeseisenbahn, Detlef Berndt. Neben den NWL-Vertreter:innen waren auch Sendenhorst Bürgermeisterin Katrin Reuscher, Münsters Oberbürgermeister Tilman Fuchs, Warendorfs Landrat Dr. Olaf Gericke und Regierungspräsident Andreas Bothe bei diesem feierlichen und freudigen Ereignis dabei.

Katrin Reuscher (v.l.), Bürgermeisterin von Sendenhorst, Dr. Martin Uhlendorf, Leiter Infrastrukturförderung beim Zweckverband Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL), Nils Werner, Leiter Geschäftsbereich Markt & Kunde beim Zweckverband Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL), WLE-Geschäftsführer Detlef Berndt, NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer, Landrat Dr. Olaf Gericke, Münsters Oberbürgermeister Tilman Fuchs und Regierungspräsident Andreas Bothe bei der Übergabe des Förderbescheids. Mit Förderzusagen haben der Bund und das Land Nordrhein-Westfalen die Finanzierung des 187-Millionen-Euro-Projekts gesichert. (Foto: Stadt Münster / Michael Lyra)

Reaktivierungsforderungen nach rund zehn Jahren Stillstand

Vor 123 Jahren und sechzehn Tagen, am 1. Oktober 1903, wurde die Eisenbahnstrecke zwischen Sendenhorst und Münster erstmals befahren. 71 Jahre und 361 Tagen pendelten Fahrgäste zwischen Münster und Neubeckum auf der WLE-Strecke bis vor 51 Jahren und neunzehn Tagen, am 27. September 1975, fahrplanmäßig der letzte Personenzug aus Sendenhorst im Hauptbahnhof Münster eintraf. Schon seit der zweiten Hälfte der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gab es unter anderem vom Verkehrsclub Deutschland in Münster und ungefähr zeitgleich von der am 6. Oktober 1986 im Bahnhof Wolbeck gegründeten „Bürgerinitiative zur Wiederinbetriebnahme der WLE“ Forderungen nach Wiederaufnahme des Personenverkehrs auf dieser Strecke.

Ein Artikel zum Thema, der vor rund 40 Jahren in der Glocke erschien, mit einer Zeichnung des damaligen VCDlers Andreas Brencke. (Artikel aud der Glocke)

1986: Stadt Münster gegen Wiederinbetriebnahme

In einem Pressegespräch erteilt am 7. Juli 1986 Dr. Friedrich-Wilhelm Oellers von der Stadtverwaltung Münster der Reaktivierung der WLE-Bahnlinie zwischen Wolbeck und Münster eine klare Absage: „In einem Gutachten kommt ein beauftragtes Ingenieurbüro zu dem Ergebnis, lediglich 2000 Fahrgäste würden die Strecke täglich benutzen, weshalb die zehn Millionen Mark Investitionskosten für eine Wiederinbetriebnahme der Strecke bis Beckum betriebswirtschaftlich nicht zu vertreten seien. Zudem wird wegen fehlender Amortisation von jeglichen Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr abgeraten.“

Stattdessen sollen kurzfristig die beiden Umgehungsstraßen um Wolbeck realisiert werden. In Höhe der alten Everswinkeler Straße soll die Westumgehung beginnen, mit Hilfe von zwei Brücken über Angelkamp und Hiltruper Straße geführt werden, bevor man in Höhe von Haus Dahl auf die Südumgehung trifft.

Die Stellungnahme der Stadt Münster wird von CDU und SPD in Wolbeck scharf kritisiert, nach deren Ansicht man niemals wieder so günstige finanzielle Bedingungen für eine Reaktivierung der WLE-Strecke haben werde. Keine drei Monate später beschließt die Bezirksvertretung Münster-Südost am 30. September 1986 einstimmig, trotzdem die Wiederinbetriebnahme der WLE-Bahnlinie auf den Weg zu bringen.

Stadt will zumindest die Trasse sichern

Eine Podiumsdiskussion am 11. Februar 1987 in der Gaststätte Sültemeyer zur Wiederbelegung der WLE-Bahnlinie ist restlos überfüllt. Neben Martin Wellschmiedt, Vertreter der Bürgerinitiative, nehmen Dr. Eberhard Christ, Geschäftsführer der Westfälischen Verkehrsgesellschaft (WVG), Bernhard Vogt, Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands (GdED), Dr. Friedrich-Wilhelm Oellers, Leiter des Stadtplanungsamtes Münster, an der Debatte teil. Eberhard Christ berichtete, dass die WVG die Investitionskosten auf 12,5 Millionen Mark und die jährlichen Betriebskosten auf drei Millionen Mark beziffert. Die WLE verzeichnet im Güterverkehr auf dieser Strecke momentan einen jährlichen Verlust von fünf Millionen Mark. Dr. Oellers erklärte, dass die Stadt die Schienenstrecke unter allen Umständen erhalten will: „In ferner Zukunft erwarte man Bedarf.“

In einer Fragebogenaktion im Herbst 1987 der örtlichen CDU wünschen sich nur 50 Prozent eine Wiederaufnahme des Personenverkehrs auf der WLE-Strecke. Am 10. November des gleichen Jahres referiert Dr. Friedrich Oellers in der Bezirksvertretung Südost zum Stand der Verhandlungen zwischen der Stadt Münster und dem Betreiber der WLE. Das Amt empfiehlt auf Grund der Kosten von 200.000 Mark für die Erstellung eines Wirtschaftlichkeitsgutachtens auf die Reaktivierung der Strecke grundsätzlich zu verzichten. Die Bezirksvertretung lehnt diese Empfehlung mit den Stimmen von SPD, GAL und einigen Stimmen aus der CDU ab.

1500 Fahrgäste nutzen BI-Sonderfahrt zum Send

Während im Jahr 1988 die Bürgerinitiative (BI) zur Wiederinbetriebnahme des Personenverkehrs auf der WLE-Strecke Münster-Sendenhorst auf eigenes Risiko Ende Oktober zum Send in Münster einen alten VT 95-Triebwagen (Schienenbus) bei den Hammer Eisenbahnfreunde chartert und damit Ende Oktober 1500 Personen zwischen Sendenhorst und Münster befördert, erteilt der Streckeninhaber Westfälische Landeseisenbahn am 5. Dezember 1988 allen Plänen zur Wiederaufnahme der Personenbeförderung auf der Wolbecker Strecke eine Absage.

Sonderfahrt mit einem Schienenbus auf der WLE-Strecke. (Foto: Clemens Bertram)

Einen Monat später, am 4. Januar 1989, lehnt auch Dr. Christoph Zöpel, NRW- Landesminister für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr von der SPD, die Wiederaufnahme des Schienenpersonenverkehrs auf der WLE-Strecke ab: „Der Anfangsinvestition von mindestens 20 Millionen Mark und den jährlichen Betriebskosten von drei Millionen Mark ständen nur geringe Einnahmen gegenüber.“ Dr. Eberhard Christ beziffert die Reaktivierungs- und Unterhaltungskosten am 14. März des Jahres in einem eigenen Papier auf 22 Millionen Mark und pro Jahr auf nur 500.000 Mark zur Deckung der Betriebskosten bei täglich angesetzten 2000 bis 3000 Fahrgäste zwischen Sendenhorst und Münster.

Kippt vor Ort die Stimmung?

Heute vor 25 Jahren, am 17. Oktober 1991, sprechen sich im wieder überfüllten Saal der Gaststätte Sültemeyer bei einer Bürgerversammlung zu den Verkehrsproblemen in Wolbeck alle Anwesenden „beinahe einstimmig“ für den Bau einer Umgehungsstraße sowie die sofortige Sperrung des Ortskerns für den Schwerlastverkehr aus. Die Wiederinbetriebnahme der WLE-Strecke für den Personenverkehr wird in der Versammlung deutlich abgelehnt.

Zwei Jahre später, im April 1993, wird in einer neuen Fragebogenaktion der CDU die Wiederinbetriebnahme des Personenverkehrs auf der WLE-Strecke bei 250 Antworten von zwei Dritteln abgelehnt. In einer Podiumsdiskussion am 24. Mai des Jahres stellt in der Gaststätte Sültemeyer stellt der von der BI beauftragte Aachener Diplom-Ingenieur Michael Ritzau sein Gutachten zur Wiederinbetriebnahme vor. Er geht „angesichts der allgemeinen Renaissance des Öffentlichen Personennahverkehrs in Deutschland“ von geschätzten 2800 Fahrgästen täglich aus, was einer Kostendeckung von 78 Prozent entsprechen würde. Allerdings hatten vor der Versammlung sowohl die Stadt als auch Betreiber bereits angekündigt, das Projekt nicht finanzieren zu wollen. Raimund Breuker von der Westfälischen Verkehrsgesellschaft bestritt öffentlich die Zahlen des Gutachters.

Fünf Jahre gingen ins Land bis am 18. März 1998 in der Wolbecker Nikolaischule Martin Seibüchler vom Fahrgastbeirat Münsterland und Kai-Henning Schmidt vom Regionalverkehr Münsterland (RVM) zusammen mit Wolbecker Bürger:innen über das damalige Angebot des öffentlichen Nahverkehrs in Wolbeck diskutierten. Die Reaktivierung der WLE-Strecke als Stadtbahn stand im Zentrum der Gespräche. Aber auch der fehlende Wetterschutz an zentralen Bushaltestellen wie „Sültemeyer“ und „Windmühle“ waren ein Thema.

ZVM gibt 1999 kritischen Zwischenbericht ab

Der Zweckverband Schienen-Personennahverkehr im Münsterland (ZVM) stellte in einem Zwischenbericht am 11. Mai 1999 fest, dass bei einer Reaktivierung der WLE-Strecke Münster-Neubeckum die gesamte Strecke von Grund auf saniert und zum Teil neu verlegt werden müsse: „Haltepunkte, Bahnsteige, Wartehallen und ähnliches müssten neu gebaut werden. Die vorhandenen Bahnsteige entsprechen nicht mehr den heutigen Anforderungen, Bahnsteigausrüstungen stehen nicht mehr zur Verfügung. Von den 98 Bahnübergängen sind nur 21 mit einer Lichtzeichenanlage gesichert, einige sind zusätzlich mit einer Halbschranke ausgerüstet.“ Zur Berechnung der Betriebskosten wurde für das Jahr 2010 von 5300 Fahrgästen (!) pro Tag ausgegangen, was jährliche Einnahmen von 2,5 Millionen Mark generiere. Die jährlichen Fahrtbetriebskosten wurden auf 2,8 Millionen und die Fahrwegkosten auf 2,4 Millionen Mark taxiert. Für die Strecke Münster-Sendenhorst war, ohne Berücksichtigung der Wartezeiten im Begegnungsverkehr auf der eingleisigen Strecke, eine Fahrzeit von 29 Minuten berechnet worden. Der Schnellbus benötigte auch nur 32 Minuten für diese Strecke.

Münsters Oberbürgermeister Tilman Fuchs und die Sendenhorster Bürgermeisterin Katrin Reuscher bedankten sich bei NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer (r.) für das Engagement des Landes und die Förderung für die Reaktivierung der WLE zwischen Sendenhorst und Münster. (Foto: Werner Szybalski)

Eisenbahnfahrt gegen Reaktivierung

Die Christdemokraten instrumentalisierte im Juli 1999 bei einer von der CDU organisierten Sonderfahrt der CDU auf der WLE-Strecke zwischen Münster und Neubeckum sogar Kinder um Unterschriften gegen eine Wiederinbetriebnahme zu sammeln. Kids bis zwölf Jahre durften kostenfrei im Pängelanton mitfahren, wenn sie einen Teddy mitführten. Der Ortsverband der CDU Wolbeck hat extra einen Zusatzwagen anhängen lassen, indem man von den Fahrgästen Unterschriften gegen das Eisenbahnfahren auf der WLE-Strecke, was sie selbst ja gerade machten, sammelte.

Reaktivierung der WLE-Bahnlinie kommt nicht voran

WLE-Geschäftsführer Detlef Berndt nahm den Förderbescheid für die Reaktivierung in Empfang. (Foto: Werner Szybalski)

Anfang dieses Jahrtausend überwogen wieder die Stimmen für eine Reaktivierung. Trotzdem ging es nicht vorwärts. Weiterhin wurde auf die Zusage des Landes gewartet, in welcher Höhe NRW das zu erwartende Betriebskostendefizit von jährlich rund fünf Millionen Mark bezuschusse. Hoffnungsvoll wurde auf die anstehende Umsetzung des SPNV-Regionalisierungsgesetzes gewartet. Das Land hatte sich 2001 bereit erklärt, 90 Prozent der Investitionskosten für die Reaktivierung zu übernehmen. Die Betriebskosten könnten nach der damals gültigen Gesetzeslage aber nur zur Hälfte bezuschusst werden. Am 6. November des Jahres machte Dr. Rainer Karliczek, Leiter des städtischen Planungsamtes, in einer Sitzung der Bezirksvertretung Südost deutlich, dass „eine Reaktivierung der WLE-Strecke nicht zu den Prioritäten der Stadt Münster gehöre.“

Reaktivierung kommt doch

Nach einer weiteren Studie im Jahre 2010 wurden täglich nach einer groben Schätzung über 6.000 Fahrgäste zwischen Sendenhorst und Münster erwartet. Neue Gewerbe- und Siedlungsgebiete und wachsende Pendlerzahlen lassen zudem bis heute eine weiter gesteigerte Nachfrage im Bereich ÖPNV und damit auch auf der Schiene im Bereich dieses Streckenabschnitts erwarten. Inzwischen wird mit 10.000 Fahrgästen täglich kalkuliert. 2020 wurden bei der Bezirksregierung Münster Unterlagen für das Planfeststellungsverfahren eingereicht. Am 30. Januar 2026 gab es dann den Planfeststellungsbeschluss. Dagegen wurden von WLE-Anwohner:innen in Sendenhorst und Münster zwei Eilanträge, die sich generell gegen den Baubeschluss wenden, und fünf weitere Klagen beim Oberverwaltungsgericht (OVG) Münster eingereicht. Die Entscheidung über eine aufschiebende Wirkung durch das OVG müsste in Kürze bekannt gegeben werden. Vor der Entscheidung will die WLE, der NWL und die beteiligten Kommunen nicht mit dem Bau beginnen.

Am 26. Juni diesen Jahres sandte das Land NRW dem Bund den Antrag auf Finanzierung der Strecke. Schon am 5. Oktober gab es den positiven Entscheid. 161 Millionen kommen von der Bundesebene. Nordrhein-Westfalen steuert weitere neun Millionen bei. Zuvor hatte NRW schon mehr als sechs Millionen Euro für die Planung zugeschossen. Die Übergabe des aktuellen Bescheid über die Förderung der Reaktivierung durch Bund und Land ist ein Meilenstein auf dem Weg zur Wiederbelebung des Personenverkehrs auf der 21 Kilometer langen Strecke zwischen Münster und Sendenhorst wurde offiziell am 16. Oktober vollzogen. Die Strecke ist auch ein zentraler Bestandteil der Pläne für die S-Bahn Münsterland.

Münsters Oberbürgermeister Tilman Fuchs sprach bei der feierlichen Übergabe des Förderbescheides von einem „Riesenschritt nach vorn“. (Foto: Werner Szybalski)

Krischer: „Entscheidender Baustein“

NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer sagte in Münster bei der Übergabe der Förderzusagen: „Dies heute ist ein entscheidender Baustein! Rund 161 Millionen Euro Bundesfinanzhilfen sichern das Projekt mit veranschlagten Gesamtkosten von 187 Millionen Euro ab. Das Land beteiligt sich mit einer Kofinanzierung. Dritter Finanzierungspartner ist die Westfälische Landeseisenbahn (WLE) als Infrastrukturbetreiberin der Strecke. Diese Strecke war einst relevanter Teil des Alltagsverkehrs in der Region, und das soll sie wieder werden. Mit der gesicherten Finanzierung können wir Gleise erneuern, Bahnübergänge sicherer gestalten und neue barrierefreie Haltepunkte schaffen.“ Mit der Förderzusage wären nun die Vorbereitungen für den Baustart in die Wege geleitet.

Die Reaktivierung der Strecke Münster – Sendenhorst schaffe künftig ein staufreies und umweltfreundliches Nahverkehrsangebot in der Region. Ziel sei es, die Anbindung an den Hauptbahnhof Münster zu verbessern, die Straßen zu entlasten und CO2-Emissionen einzusparen. Auf der nicht elektrifizierten Strecke sollen batterieelektrische Züge der spanischen Firma CAF eingesetzt werden. Die Fahrzeit zwischen Sendenhorst und Münster-Hauptbahnhof wird künftig rund 30 Minuten betragen. Die Wiederaufnahme des Schienenpersonennahverkehr auf der Strecke sei integraler Bestandteil der landesweiten Betriebskonzepte „Zielnetz 2032“ und „Zielnetz 2040“, mit denen das Verkehrsangebot in Nordrhein-Westfalen ausgebaut werden soll.

Für die Reaktivierung der WLE-Strecke ist die Stadt Münster für die Erschließung der Haltepunkte zuständig. Mobilstationen wie hier am Haltepunkt „Halle Münsterland“ sollen insbesondere den Umstieg zwischen Bahn und Fahrrad erleichtern. (Grafik: Stadt Münster)

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