Reaktivierung für tägliches Angebot wäre rentabel
Die Menschen im Südwesten der Republik nehmen die Dinge schon mal selbst in die Hand. Dies nachweislich schon seit über 500 Jahren, als die später von Adel und Klerus blutig niedergeschlagenen Bauernkämpfe im Südschwarzwald ausbrachen, weil die abgedrehte Idee der Ehefrau des Grafen Sigmund II. von Lupfen-Stühlingen die Bauern zum Aufstand zwang. Mitten im auf dem Feld arbeitsreichen Juni sollten die leibeigenen Bauern, statt auf das Feld zu gehen, für die Gräfin Schneckenhäuser und Waldbeeren sammeln. Sie wollte Beerenmus einkochen lassen und Garn auf die Schneckenhäuser wickeln lassen, berichten gleich drei alte Quellen. Dieser Aufstand im heutigen Landkreis Waldshut, direkt an der Schweizer Grenze, war das Fanal für die folgenden Aufstände zwischen Thüringen und Südtirol, die als Bauernkriege bekannt wurden. Nicht kriegerisch, aber mindestens mit dem gleichen hohen Engagement gehen heute Menschen in der Nähe in Opposition zur grün-schwarzen baden-württembergischen Landesregierung unter Ministerpräsident Cem Özdemir vor. Sie betreiben zu besonderen Anlässen wie Fasnacht und an Sonn- und Feiertagen die „Biberbahn“, die dank ehrenamtlichen Engagements von Stockach (Kreis Konstanz) nach Mengen (Kreis Sigmaringen) fährt.

Ablachbahn – vom Bodensee zur Donau
Die Strecke zwischen Radolfzell am Bodensee und Mengen an der Donau wurde im 19. Jahrhundert als Teil einer transregionalen Verbindung von Ulm in die Schweiz konzipiert. Am 2. September 1859 gab es eine länderübergreifende Versammlung von Abgeordneten der Region zwischen Alb, Bodensee und Schwarzwald, die beschloss, sich für den Bau einer Eisenbahnstrecke zwischen Ulm, dem Bodensee und dem Schwarzwald einzusetzen. Daraufhin wurden in allen an der geplanten Strecke liegenden Städten lokale Eisenbahnkomitees gegründet.
Die Strecke wurde hinsichtlich der Steigungen, Kurvenradien und Kunstbauten so gebaut, dass diese mit höheren Geschwindigkeiten befahren werden konnte. Auch war die Zweigleisigkeit ein großes Thema, schließlich sollte sie ein Zwischenstück internationaler Verbindungen, zum Beispiel Wien nach Paris oder Berlin nach Zürich oder Mailand werden.

Geschichte der Ablachbahn
Ab 1865 wurde an der Ablachtalbahn gebaut. Die Strecke wurde in mehreren Abschnitten eröffnet.Zwischen 1866 und 1870 wurde der Abschnitt Radolfzell – Meßkirch gebaut. Es wurde zwar nur ein Gleis verlegt, aber der Bahndamm und die Brücken wurden für zweigleisigen Verkehr ausgelegt, was noch heute an den beiden großen Brücken zwischen Mühlingen und Zizenhausen deutlich zu erkennen ist. Die erste Streckeneröffnung erfolgte am 20. Juli 1867. Zunächst dampfte es zwischen Radolfzell – Stahringen – Stockach. Am 3. Februar 1870 folgte die Strecke Stockach – Schwackenreute – Meßkirch. Die beiden Strecken Meßkirch – Mengen und Krauchenwies – Sigmaringen wurden auf badische Staatskosten 1873 gebaut. Vom Bahnhof Krauchenwies aus verliefen zwei Schienenstränge parallel durch den Fürstlichen Park. Die im Park befindlichen Lager und Pfeiler der Ablachbrücke erinnern noch heute an diese zweigleisige Schienenführung. Am 6. September 1873 wurde die Strecke von Meßkirch über Krauchenwies nach Mengen zusammen mit der Strecke Krauchenwies – Sigmaringen eingeweiht.
Die geplante überregionale Funktion erfüllte die Ablachtalbahn nur kurzfristig auf der Strecke Ulm – Radolfzell. Die durchgehenden Zugverbindungen mit dem ab dem 1. November 1873 eingesetzten Schnellzugpaar wurde schon zwei Jahre später wegen zu geringer Nachfrage wieder eingestellt. Deshalb wurde die die Verbindung Radolfzell – Mengen 1879 von der Reichs- zur Nebenbahn abgestuft. Die Gesamtstrecke wurde fortan durch Nahverkehrspersonenzüge bedient, die an jedem Haltepunkt Station machten.

Strecke schwebt zwischen Stilllegung und Erhalt
Die Strecke wurde von der Deutschen Bundesbahn in Etappen stillgelegt: Am 13. Dezember 1954 wurde der Personenverkehr auf dem Abschnitt Krauchenwies und– Mengen eingestellt, am 1. September 1960 der Gesamtverkehr. Danach folgte der Abbau der Strecke zwischen Krauchenwies und Mengen. Dabei wurden die Schienen hinter dem Bahnhofsgelände Krauchenwies bis zur Werksanbindung des Dillmannschen Sägewerks bei Mengen entfernt. Am 28. Mai 1972 erfolgte die Einstellung des Personenverkehrs auf dem Abschnitt Stockach–Meßkirch, am 25. September 1982 auch auf dem südlichen Bahnabschnitt zwischen Stockach und Stahringen.

Die DB Cargo AG zieht sich zurück
Am 29. September 1986 wurde auf Betreiben von Tegometall der abgebaute, nördliche Streckenabschnitt Krauchenwies – Mengen für den Güterverkehr mit Landeszuschüssen wieder aufgebaut und in Betrieb genommen, inklusive Errichtung dreier Bahnübergänge über die Bundesstraße 311, die Landesstraße 456 und die Andelsbachbrücke. Damaliger Streckenstatus war „Rangiergleis des Bahnhofs Mengen“. Im Gegenzug wurde zeitgleich zum 29. September 1986 der Güterverkehr auf dem Streckenabschnitt Meßkirch – Krauchenwies eingestellt. Die Einstellung des Gesamtverkehrs erfolgte am 1. März 1987. Dieser Abschnitt wurde aber am 28. Mai 1989 wieder für den Güterverkehr freigegeben und zwischen Meßkirch und Mengen zur Nebenbahn umgewandelt.
Wegen des „Marktorientierten Angebotes Cargo“, einem Sanierungsprogramm der DB Cargo AG wurde zum 2. Januar 2002 auf dem Abschnitt Mengen – Schwackenreute der Wagenladungsverkehr durch die Hohenzollerische Landesbahn (HzL) übernommen, schrumpfte aber zweieinhalb Jahre später auf noch ein tägliches Güterzugpaar. Zwischen 2003 und 2005 kam ein regelmäßiger Kiesverkehr Schwackenreute – Mengen – Balingen – Schömberg hinzu. Die HzL setzte hierfür zweiachsige Muldenkippwagen der F-z-Familie ein.

Zum 16. November 2002 schrieb die DB Netz AG den Streckenabschnitt Stockach – Schwackenreute zur Übernahme der Streckeninfrastruktur an Dritte nach § 11 AEG aus. Eine Arbeitsgruppe mit Mitgliedern aus den drei Anliegergemeinden Sauldorf, Hohenfels und Mühlingen bemühte sich im November 2002 nach Bekanntwerden der Stilllegungsabsicht um Gespräche mit der Deutschen Bahn, um für den Abschnitt Stockach – Meßkirch ein alternatives Nutzungskonzept zu unterbreiten. Sie planten mit einem Draisinenbetrieb. Aber am 26. März 2003 beantragte die DB Netz AG die Stilllegung.
Streckenverkauf durch die DB Netz AG
Der regionale Verkehrsclub Deutschland (VCD) gab im Mai 2004 bekannt, dass die DB Netz AG mit der Firma Tegometall über den Verkauf der rund 38 Kilometer langen Strecke von Stockach nach Mengen verhandele. Über einen Preis in Höhe von einer Million Euro wurde spekuliert. Ein offensichtlicher Preisverfall, denn nur wenige Jahre zuvor hatte die Bahn allein für den Abschnitt Stockach – Schwackenreute noch 3,5 Millionen D-Mark (1,79 Millionen Euro) aufgerufen. Schließlich wurde im Oktober 2004 die Strecke von Stockach nach Mengen durch die Ablachtal-Bahn GmbH gekauft und seither als Nichtbundeseigene Eisenbahn (Konzession der Ablachtal-Bahn GmbH, die gesellschaftsrechtlich mit dem Krauchenwieser Unternehmen Tegometall als Hauptfrachtkunden an der Strecke verbunden war) betrieben. Damit war die drohende Stilllegung abgewendet. Die betroffenen Landkreise Sigmaringen und Konstanz waren nicht zu einer Übernahme oder Beteiligung bereit gewesen.
Stockach – Mengen für Personenverkehr reaktivieren
Eine Reaktivierung des nördlichen Streckenabschnitts von Stockach nach Mengen für den Personenverkehr wurde mehrfach diskutiert. Die Idee, das Seehäsle von Stockach nach Mengen zu verlängern, kam 1999 aus Meßkirch. Im Juni 2001 wurde durch den Regionalverband Bodensee-Oberschwaben beim Büro SMA eine Studie in Auftrag gegeben, in der vornehmlich das regionale Potenzial im Gebiet zwischen Stockach und Mengen untersucht wurde. Darin wurde aber ein für die Wiederaufnahme des Zugverkehrs zu geringes Fahrgastaufkommen prognostiziert. Die SMA-Studie schätzte die Investitionen in eine umfassende Ertüchtigung für Schienenpersonennahverkehr (SPNV) und Beschleunigung auf mindestens 37 Millionen und bis zu 64 Millionen DM, hinzu kämen jährliche Betriebskosten von rund vier Millionen DM.
VCD gründet die „IG Hegau-Ablachtal-Bahn“
Im Mai 2004 gründete der Landesverband Baden-Württemberg des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) die „Interessengemeinschaft Hegau-Ablachtal-Bahn“ und rief Bürger und öffentliche Institutionen auf, sich für die stilllegungsbedrohte Strecke zu engagieren. In einem Gegengutachten des Verkehrsclubs Deutschland zur SMA-Studie von 2001, ausgeführt von der Agentur Vieregg-Rössler im Juli 2004, wurde zwar die mangelnde Wirtschaftlichkeit der Strecke für den Lokalverkehr bestätigt, aber die Idee angesprochen, die Strecke als Teil einer überregionalen Achse von München und Ulm nach Basel erneut zu prüfen, für die sie im 19. Jahrhundert konzipiert und gebaut worden war.

Übernahme der Strecke durch die Kommunen
2019 bot die Ablachtal-Bahn GmbH die Strecke Stockach – Mengen den Anliegerkommunen zum Kauf an. Ende Oktober 2020 beschlossen die Stadt Meßkirch und die Gemeinde Sauldorf, die Strecke für einen symbolischen Euro zu kaufen, um sie als kommunales Eisenbahninfrastrukturunternehmen nach kostengünstigen Standards zu betreiben und gemeinschaftlich die bis zu 100.000 Euro Betriebskostendefizit im Jahr zu tragen. Die Stadt Meßkirch betreibt unter dem Namen „Biberbahn“ die Strecke, die am 17. Juli 2021 feierlich für den Personenverkehr wiedereröffnet wurde. Seitdem gibt es Sonderfahrten zum Beispiel zu Fasnacht sowie zwischen Mai und Oktober drei Zugpaare im Freizeitverkehr zwischen Stockach und Mengen. Um für die Ablachtalbahn zu werben und die Kommunen beim Betrieb der Strecke zu unterstützen, hat sich 2019 ein Förderverein Ablachbahn gegründet. Für die Freizeitzüge zwischen Stockach und Mengen wirken ehrenamtliche Helfer aus dem Förderverein mit.
Bodensee wird wieder erreicht
Der südliche Streckenabschnitt zwischen Radolfzell und Stockach wurde durch den Landkreis Konstanz für den Personenverkehr reaktiviert: Mit über 3.500 täglichen Fahrgästen ist das „Seehäsle“ ein großer Erfolg.

Der Nutzen ist höher als die Investitionen
„Ablachtalbahn-Comeback lohnt sich wirtschaftlich – moderne batterieelektrische Züge und schnellere Verbindungen sollen die Reaktivierung der Ablachtalbahn attraktiv machen. Änderungen an Bahnübergängen und Infrastruktur ermöglichen höhere Geschwindigkeiten bis zu 100 km/h“, vermeldete Ingrid Anna Augustin am 5. März diesen Jahres im Südkurier. Die Reaktivierung der Ablachtalbahn sei aus volkswirtschaftlicher Sicht sinnvoll, denn die „vertiefte Untersuchung“ hätte ein Nutzen-Kosten-Verhältnis von 1,24 ergeben. Der Nutzen für die Region übersteigt die Investitions- und Betriebskosten um 24 Prozent, teilte der Förderverein Ablachtalbahn dem Südkurier mit.
Anfang September nahm sich der SWR-Journalist Thomas Eberding des Themas an, da fast ein halbes Jahr nach Veröffentlichung des positiven Gutachtens noch nichts passiert war: „Das Land hat bislang kein grünes Licht gegeben.“ Noch ist der tägliche Bahnbetrieb nicht in Sicht.
SWR-Reportage über Regionalbahn
„Es ist Sonntagmorgen am Bahnhof in Stockach. Viele Tagestouristen mit Fahrrädern steigen hier ein. Fahrkarten kaufen sie im Zug, bei Wilfried Gabele vom Förderverein. Er engagiert sich ehrenamtlich für die Bahn, ist seit Jahren, als die Strecke reaktiviert wurde, dabei. „Mir ist das Ehrenamt extrem wichtig, ich bin von Anfang an dabei und es macht Spaß und solange meine Frau nichts dagegen hat, mache ich das gerne“, sagt Gabele, der im Förderverein Ablachtalbahn ist. Das sei sinnvoll, denn die Bahn sei im ländlichen Raum ein wichtiges Transportmittel – Fahrräder etwa könne man nur hier, nicht aber im Bus mitnehmen“, berichtet Thomas Eberding.
Mit maximal 50 Kilometern pro Stunde macht sich die Bahn um um 9:17 Uhr auf den Weg vom badischen Stockach ins oberschwäbische Mengen. Rund 40 Kilometer legt sie zurück, die Fahrt dauert etwas über eine Stunde. Dreimal geht es Sonn- und Feiertags hin und zurück. Unter der Woche sind nur einige Güterzüge unterwegs, sie transportieren vorwiegend Holz.
Der Bahnbetrieb erfolgt derzeit ehrenamtlich
Das besondere an der Biberbahn ist aktuell, dass Ehrenamtliche alles erledigen. Vom Fahrkartenverkauf über die Streckenpflege bis hin zur Verkehrsregelung an unbeschrankten Bahnübergängen. Auch der Zugbegleiter und der Zugführer sind ehrenamtlich Sonntag für Sonntag aktiv.

Ginge es nach der Deutschen Bahn (DB), wäre die Strecke längst stillgelegt, sagt Lokführer Frank von Meißner, ebenfalls Mitglied im Förderverein. Dem Verein ist es zu verdanken, dass zumindest an Sonn- und Feiertagen wieder Züge verkehren. Doch die Vereinsmitglieder wollen noch mehr und kämpfen dafür, dass die Ablachtalbahn irgendwann jeden Tag fährt. „Unser Motto bei der Ablachtalbahn: anpacken und nicht jammern“, sagt von Meißner.
Förderverein und Kommunen wollen täglichen Schienenverkehr
Das Ziel der Mitglieder des Fördervereins Ablachtalbahn ist, dass die Bahn jeden Tag stündlich fährt. Aber die Politik mache es den Befürworter:innen nicht leicht. Die Ehrenamtlichen, aber auch die beteiligten Kommunen, sind schon stark in Vorleistung getreten. Nun wäre die Politik am Zuge.
Hoffnung auf bessere Anbindung der Region
Ein regelmäßiger Taktverkehr als Verlängerung der bereits bestehenden Seehäsle-Bahn würde die Region im öffentlichen Verkehr besser anbinden, schließliche fahren vom Bahnhof Mengen Züge nach Ulm, Tübingen oder Stuttgart. Obwohl von den Menschen und auch den Politiker:innen in der Region gefordert, prüft die Landesregierung immer noch. Der ehemalige grüne Verkehrsminister Winfried Hermannhatte die Ablachtalbahn als „vorbildliches Projekt“ bezeichnet, aber keine verbindliche Finanzierungszusage gegeben. Die aktuelle Verkehrsministerin Nicole Razavi von der CDU verweist auf leere Kassen in Stuttgart: „Wir können nicht mehr alles Wünschenswerte finanzieren. Die Zeichen stehen auf Sparen.“

Autor: Werner Szybalski
Quellen: Wikipedia Bahnstrecke Radolfzell – Mengen
Ingrid Anna Augustin: Südkurier
Thomas Eberding: SWR-Artikel Ehrenamtliche halten Regionalbahn am Leben und hadern mit der Bürokratie
Webseite Förderverein Ablachtalbahn
Webseite Biberbahn
Webseite Wikipedia Seehas